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Blick auf den Petersdom aus den Vatikanischen Gärten

Blick auf den Petersom aus den Vatikanischen Gärten; Bild: Christopher Groß

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Blick auf den Petersom aus den Vatikanischen Gärten; Bild: Christopher Groß

Rom im Rückblick

21. April 2026

Dankbar für die Studienreise nach Rom und für die Anfrage, darüber zu berichten, blicke ich zurück und biete Streiflichter auf die Tage. Diese sind stark persönlich eingefärbt und werden nicht die vielen Nuancen widerspiegeln, die sich anderen eröffneten. Sie wollen nur anregen, Gesehenes im Blick der Rückschau wahrzunehmen.

 

Die Studienleitung von „Theologie im Fernkurs“ hatte für Februar 2026 wieder zu einer theologischen Studienwoche für Teilnehmer im Grund- und Aufbaukurs nach Rom eingeladen. Bereits aus dem erstellten Programm konnte man die Dichte der Tage erahnen, was aber 32 Interessierte nicht schreckte, die dafür überreich mit Wissen, Eindrücken und Visuellem belohnt wurden.

Nach individueller Anreise am Valentinstag kam die Gruppe am Abend zu einem ersten Kennenlernen zusammen. Romkundige, Erstbesucher in der Ewigen Stadt und Pilgererfahrene fanden zusammen in den Gesellschaftsräumen der Casa Valdese, unserer Unterkunft.

Bereits beim Abendessen spürbar, entwickelte sich mühelos eine rücksichtsvolle und zugewandte Sozialdynamik in der Reisegruppe, die aus vielen Regionen Deutschlands und sogar Italiens zusammengesetzt war. Bei der Vorstellungsrunde kamen Herr Dr. Greb und Herr Grimm ihrer Rolle als reiseleitende Initiatoren und Koordinatoren von Anfang an mit viel Sach- und Fachkunde, Langmut und Humor nach.

Gleich am ersten Studientag würde sich dieses ‚Erleben des anderen Pilgers neben mir‘ spiegeln. Wie Dr. Max, der Rektor der Anima zum gemeinsamen Tisch in einer Pilgerstätte reflektierte, bedeutet das Kennenlernen des anderen oft soviel mehr, als das Abfragen von biographischen Punkten. Bisweilen meinen wir gar, im Dialog mit uns neuen Menschen Antworten schon zu kennen, bevor wir unser Gegenüber vorbehaltlos wahrgenommen haben. Wir stellen fest, dass wir einem anderen offen begegnen können und uns dabei selber neu erkennen können.

So legte der erste Tag unserer Reise, Sonntag der 15. Februar 2026, Tonalität und Intensität der Woche wunderbar vor.
Für den Besuch der Kirche „Santa Maria dell’Anima“ war der Rektor, Dr. Michael Max, gebeten worden, vor dem Gottesdienst die Gruppe in die Kirche, ihre Geschichte und Bedeutung für die deutschsprachigen Pilger einzuführen. Der Geistliche aus dem Erzbistum Salzburg führte kurzweilig und profund in die baugeschichtliche und bild-theologische Entwicklung dieses römischen Pilgerziels ein. Besonders bewegend war seine Erläuterung des zentralen Altarbildes. Ausgelöst von der Frage eines Teilnehmers aus unserer Gruppe, wie die „Seelen“ im Kirchennamen zu verstehen seien, verwies Dr. Max auf das Altarbild. Finanziert von Jakob Fugger, erschuf der „begabteste Schüler Raffaels“, Julio Romano, eine Darstellung der Heiligen Familie nebst Stifter und weiterer heilsgeschichtlicher Akteure. In dieser Komposition scheute der Maler sich nicht, den damals „reichsten Mann der Welt“, Jakob Fugger, auf seine menschliche Seelenwanderschaft hinzuweisen. Augustinus gedenkend, „unruhig ist meine Seele bis sie Ruhe findet in Dir“, weist im Bild Johannes den Jakob Fugger auf das jenseitige Ziel seiner diesseitigen weltlichen Seelenwanderung hin - Jesus Christus.

Diese theologische Dichte zog sich auch durch den feierlichen Gottesdienst. In seiner Predigt griff Dr. Max beide Lesungen und das Evangelium aus der Bergpredigt nach Matthäus auf. Darin adressierte er unter anderem das Verhältnis von Geist und Gesetz und formulierte: „Das Gesetz beginnt nicht in der Tat, sondern im Gedanken“. Nun waren wir nicht nur örtlich, physisch und kunstgeschichtlich in Rom angekommen, sondern auch geistig und theologisch.

Nach diesem intensiven Einstieg in die Studienwoche entließen wir uns - wie an allen Folgetagen - zum individuell gestalteten Mittagessen, um uns später an der Mitte der Katholischen Kirche, am Petersplatz, als Gruppe wiederzufinden.

Wenn Berufung und Beruf sich stimmig überlappen, ist das ein Glücksfall für den Betroffenen wie auch für das soziale Umfeld, das situativ von dieser Doppelrolle profitieren kann. Das galt auch für unsere ab nun intensive Interaktion mit Msgr. Prof. Dr. Stefan Heid.
Der Priester des Erzbistums Köln - mit einer scheinbaren Schwäche u.a. für Trier - schöpfte aus für uns Laien unermesslichen Wissenstiefen, serviert mit einer erfrischenden Prise Süffisanz zur Ewigen Stadt, den Marotten des Über-Tourismus und dem Wechsel der Zeit - selbst Luther pilgerte als Augustiner zum Campo Santo. Kurzum: es war fulminant, was wir an Kirchen-, Liturgie- und Kunstgeschichte von ihm erfahren und aufnehmen konnten. Und das in einer sprachlichen Leichtigkeit, welche die reiche Kost verdaubar machte.
Wir erhielten eine Vor-Ort-Einführung in Grabstelle, Kirche und Fraternität des Campo Santo Teutonico sowie den Petersdom von Prof. Heid. Er schärfte unseren Blick auf sichtbare und unsichtbare Schichten der Archäologie, Kunst und Liturgie. So stellte Prof. Heid auch dar, dass „Geschichte nicht immer linear verläuft“, wie modernere Ausgrabungen unter dem Petersdom in den 1940er Jahren zeigen. Sie wurden im Kriegszustand und aufgrund des Interesses deutscher Archäologen, der späteren Besatzungsmacht, vorangetrieben.

In der Kirche S. Maria della Pietà des Campo Santo Teutonico

In der Kirche S. Maria della Pietà des Campo Santo Teutonico; Bild: Christopher Groß

Nach Führung und Vesper in einem recht turbulenten Petersdom ließ es sich Prof. Heid nicht nehmen, uns am Sonntagabend in unserem Hotel auf das Petrusgrab einzustimmen.

Vorbereitet durch den sonntäglichen Rundgang und das Erleben der Gräber im Campo Teutonico begannen wir den Montag mit dem Besuch der Petrus-Reliquien sowie der umgebenden Nekropolen unter der Petersbasilika.

„Schrift und Tradition“

Mein persönliches Verständnis hat sich durch diese Führung unter St. Peter dahingehend verschärft, dass wir Christen auch hier dem Judentum folgen: Nicht nur in der Hoffnung auf die leibliche Auferstehung, sondern auch wie bei den jüdischen Gräbern am „Goldenen Tor“ entlang der Stadtmauer in Jerusalem, wo die dort Beigesetzten erwarten, dass sie bei der Wiederkunft des, durch das Goldene Tor kommend erwarteten Messias, unmittelbar auferstehen.
So hat sich über die christlich geprägten Jahrhunderte in Rom um die Grablege von Petrus dieselbe Hoffnung baulich niedergelegt. In nächster Nähe zu dem Apostel und in Fortführung, so nah und nahtlos an die Apostolischen Sukzession heran, wollte der christliche Mensch dem Wiederkommen des Messias sein. Nur wird er dort auch wiederkommen oder von dort seine Wiederkunft beginnen?

Wir wissen es nicht. Aber wie in Jerusalem ist Rom, historisches Kult-Zentrum, Wallfahrtsziel und Kristallisationspunkt eines Glaubens, eines „Willens an etwas zu glauben“. In diesem Sinne überzeugte auch die fundierte Führung durch freigelegte Teile die Nekropole unter St. Peter durch ihre theologische Feinfühligkeit. Der italienische Archäologe, der eine unserer beiden Gruppen führte, vermittelte, dass es eine wissenschaftliche Gewissheit, ob es sich wirklich um die Gebeine Petri handele, nicht geben wird. Selbst mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen - die 70% der aufgefunden Gebeine gehören zu einem älteren männlichen Körper, dem, wie bei der Kreuzabnahme üblich, Hände und Füße abgetrennt worden waren etc. - können wir nur annähernd davon ausgehen, hier wirklich vor den Reliquien des Apostels zu stehen.

Aber die Wirkgeschichte dieses Ortes spricht ihre eigene Sprache. Christen wählten diese Stätten als Grablegen aus, Liturgien fanden dort statt. Diese Traditionen lassen auf eine Anziehungskraft schließen, deren Quellen auch in der Schrift zu finden sind.

Dass in Rom verschiedene päpstliche Traditionsschichten sichtbar sind, wurde beim nachmittäglichen Besuch der Heiligen Stiege und der San Lorenzo Kapelle am Lateran anschaulich. Der Mosaik-Schriftzug vor dem Altarraum liest sich „Non est in toto sanctior orbe locus“ - „Es gibt keinen heiligeren Ort auf der Welt“. Eine programmatische Ansage, die Prof. Heid mit Gusto aufnahm in dieser Kapelle „Sancta Sanctorum“.

Woran nimmt das Allerheiligste sein Maß?

Auch wenn er meinen Eindruck, dass die Cubatur des Kappellen-Raumes gefühlt der Nachbildung des Allerheiligsten am Jerusalemer Tempel entsprach - wie im Kloster Corvey anhand der Maßangaben im Buch Levitikus in der Westfassade nachempfunden - so nicht bestätigen wollte.

In der Kapelle San Lorenzo führte er uns nicht nur tiefer in die Geschichte der mittelalterlichen Papstwahl ein - durch sieben Diakone als zentrale Funktionsträger in der räumlich beengten Kappelle - sondern auch in die Liturgie-Geschichte und franziskanische Tradition des Ortes. Ebenso enthielt der nachfolgende Besuch der Lateranbasilika und des angrenzenden Baptisteriums enthielt eine Fülle an historischen und theologischen Details, Querverweisen und Anregungen zum Weiterdenken. Es war veranschaulichtes Liturgie-Geschehen baulich dargestellt. Und gleichzeitig führte Prof. Heid uns immer wieder zurück zur Schrift. Wie sein am Vorabend ergangener Hinweis auf den lutherischen Theologen Joachim Jeremias und dessen Suchen und Finden der „Heiligen Gräber in Jesu Umwelt“, durchzog er seine Ausführungen mit Rückverweisen auf die Schrift. Entsprechend verknüpfte er das Bild der Apostolischen Sukzession mit der Reliquienverehrung als einer Verbindung zur früheren Heilsgeschichte.

Dabei wusste er stets auch die historische Entwicklung der besuchten Bauten im Kontext darzustellen. Städtebauliche Bedeutung des Ortes, sowie Bau und stetiger Umbau des Laterans im Wechselspiel und in Konkurrenz mit St. Peter kamen ebenso zur Sprache.

„Ecclesia semper reformanda“

Wie Robert Musil in „Mann ohne Eigenschaften“ bemerkt, „baut (man) kein Haus ohne aus einem alten Haus die Trümmer abzubauen“. So lebt und baut auch die Katholische Kirche.

Am folgenden Dienstag, 17. Februar 2026, standen programmseitig keine Kirchenbesuche an. Stattdessen begannen wir den Tag mit einem fundierten Vortrag von Dr. Greb zu Rom als „Stadt der frühen Christenheit“. In einem Bogen von über 450 Jahre verwies Dr. Greb auf die Quellen und prägende Entwicklung des Christentums in Rom. Bereits in der Antike zeigt sich der Primatsanspruch des römischen Bischofs und der örtlichen Gemeinde auch in der Theologie. Untermauert von politischen Konstellationen emanzipiert sich das Papsttum über die Generationen zu einem eigenständigen Zentrum geistiger und weltlicher Macht.
Diese „weltliche“ Seite des heutigen Vatikanstaats wurde uns auch im anschließenden Besuch von Radio Vatikan und der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl anschaulich vorgestellt.

Christine Seuss gab einen Überblick über Geschichte und Aufgabe von Radio Vatikan, welches heute zum größten Dikasterium der Kurie gehört. Als Teil dieses Dikasteriums der Kommunikation, welches Papst Franziskus in seinen Reformen zentralisierte, partizipiert es am Auftrag, mit „einer Stimme“ zur Welt zu sprechen.

Das eben dieser Kommunikationsauftrag eine sehr eigene und weltweite hoch-geschätzte Möglichkeit in der Diplomatie bietet, zeigte der nachmittägliche Besuch der Deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl. Die politische Überparteilichkeit des Vatikanstaats sowie seine geographische Einbettung in die italienische Hauptstadt, bietet Chancen, die wir oft im tagespolitischen Geschehen weniger wahrnehmen. Gepaart mit der Diskretion und Vertraulichkeit der vielen „Kirchenräume“ in der Ewigen Stadt eröffnet die vatikanische Diplomatie Möglichkeiten der Vermittlung, wie wir in der Botschaft lernten.

In der deutschen Botschaft am Heiligen Stuhl begegnete uns auch der zeitgenössische Leipziger Maler Michael Triegel wieder,.
hier mit seinem Portrait von Benedikt XVI aus dem Jahre 2010.

Es lohnt sich die Entstehungs- und Wirkgeschichte dieses doch auch eigenwilligen Portraits in den diversen Kommunikationsforen der Gegenwart nachzulesen.
Man lernt dabei ebenso viel über Kommunikation wie Diplomatie.

 

Der Aschermittwoch begann auf dem Petersplatz mit der Generalaudienz von Papst Leo XIV. als Einstieg in die Fastenzeit. Es wird vielen von uns als biographischer Eintrag im jeweiligen Mitleben mit der Römisch-Katholischen Kirche in Erinnerung bleiben, ebenso wie der anschließende Besuch im Dikasterium für die Glaubenslehre und das dortige Gespräch mit Dr. Bauer.

Für manche ebenso wichtig war das Wissen, dass in diesem Gebäude, dessen Dachterrasse noch einen wunderbaren Blick auf die Stadt und den Vatikan eröffnete, sich aktuell der Papst wohnhaft aufhielt. Leo XIV. wartet noch auf die Instandsetzung der historischen Papsträume, nachdem diese unter Franziskus versiegelt und unbenutzt geblieben waren.

Altar der Basilica di San Silvestro

Altar der Basilica di San Silvestro über den Priscilla-Katakomben; Bild: Christopher Groß

Die Frage, die ich gerne erörtert hätte, aber wegen Unpässlichkeit im Dikasterium nicht stellen konnte: Von einem Bekannten, der sich 15 Jahre treu von den Sakramentenspendungen fernhielt bis seine Ehe in Rom annulliert wurde, ist mir noch im Ohr: „Mit der Ehenichtigkeitserklärung erkennt die Katholische Kirche an, dass der Ausschluss von den Sakramenten auch rückwirkend nichtig und ungültig war. Welche Weisheit und Großmut der Ambivalenz und eigenen Fehlbarkeit gegenüber, oder „Der Geist wirkt auch in die Vergangenheit hinein.“

Der Nachmittag des Aschermittwochs brachte uns wieder mit Prof. Heid zusammen zu einer Führung mit anschließender Messfeier in den Priscilla-Katakomben. Fundiert und pointiert brachte uns Prof. Heid durch das Labyrinth an Gängen zu markanten Darstellungen aus frühchristlicher Zeit, bevor wir aufstiegen in die romanische Basilika San Silvestro zur gemeinsamen Feier der Aschermittwochsliturgie. (Da mir aufgrund einer Lebensmittelvergiftung jedoch die Luft der Katakomben nicht bekam, suchte ich das nahegelegene Mausoleum Santa Constanza auf. Zeitgeschichtlich und künstlerisch den Katakomben verwandt, werfe ich es aus ‚extracurricularen‘ Tagesordnungspunkt und Anregung für den nächsten Rombesuch bildlich unten ein.)

Der Abend des Aschermittwochs wurde abgerundet mit dem Kennenlernen und Vortrag von Dr. Andreas Raub zu den Vatikanischen Museen. Der Kollege von Prof. Heid und Referent für Kunstgeschichte des Römischen Instituts der Görrres-Gesellschaft zeigte in seiner lyrisch eingeführten Präsentation wunderbar Bezüge von einst und jetzt auf.

Gedanklich mitnehmend von der Priscilla Katakombe, wussten wir dass die Gebeine der beiden Heiligen Pudentiana und Praxedis dort bis zum 9. Jahrhundert aufgebahrt waren, bevor sie von Papst Paschalis I. in die Kirche Santa Prassede gebracht wurden. Diese und die Schwesterkirche Stanta Pudentiana standen als erstes für den Donnerstag auf dem Programm.

Einigen von uns als Kirche bereits aus dem Lehrbrief 9 des Aufbaukurses „Theologie und Bild“ bekannt, begannen wir unseren ‚Kirchentag’ in S. Pudentiana. Bereits in diesem Lehrbrief ergeht der Verweis auf die Apsis mit einer der ältesten erhaltenen Mosaikenarbeiten aus dem 4. Jahrhundert. Dargestellt wird die „Traditio legis“ - die „Übergabe des Gesetzes“ - mit der zentralen Jesusfigur als Übermittler des Gesetztes, an Petrus und Paulus. Flankiert wird die Szene von zwei Frauenfiguren, die meist für die beiden Schwestern Pudentiana und Praxedis gehalten werden. Es lässt sich allerdings auch eine andere Sichtweise finden:

Ecclesia ex circumcisione und Ecclesia ex gentibus. Mosaik in Santa Sabina

Ecclesia ex circumcisione und Ecclesia ex gentibus. Mosaik in Santa Sabina; Bild: RightLeft Medieval art, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

‚Ecclesia ex circumcisione‘ und ‚Ecclesia ex gentibus‘

Es sind wenige ikonographische Darstellungen erhalten, die die Kirche als eine Zweiheit, wie die beiden menschlichen Herzkammern, aus Kirche der Beschnittenen und Kirche der Heiden zeigen. Sie könnten sich wechselseitig anregen. Eine der prägendsten Darstellungen findet sich in Santa Sabina auf dem Aventin, dort nicht in der Apsis, sondern gegenüber oberhalb des Eingangs.

Unser Studienleiter Dr. Greb wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine verwandte ikonographische Verarbeitung dieses Einheitsgedankens die gemeinsame Darstellung von Jerusalem und Betlehem ist. So zeigt die Apsis von S. Prassede eben diese Komposition in der Lämmerprozession aus den Stadttoren der beiden Städte.

Grabmal von Papst Sixtus V. in Santa Maria Maggiore

Grabmal von Papst Sixtus V. in Santa Maria Maggiore; Bild: Christopher Groß

Dieses Motiv fanden wir dann auch in der nächsten Kirche:
S. Maria Maggiore. Von der „Basilica minor“ von Pudentiana zu einer der vier „Basilicae maiores“ Roms, lernten wir von Dr. Raub in kurzweiliger und facettenreicher Weise, was diese älteste Marienkirche alles in sich vereint. Die Baugeschichte erstreckt sich von der Antike bis in den Aufbruch der Neuzeit, von bildlicher und materieller Opulenz bis hin zur Darstellung des ersten Bettelorden-Papstes mit abgesetzter Tiara. So fanden wir uns vor dem Grab des Bildhauers Bernini genauso wie vor der ersten schwarzen Marmorbüste eines afrikanischen Gesandten aus dem Kongo, Antonio Emanuele N‘Vunda, Botschafter des Königreichs Kongo, der am 6. Januar 1608 in Rom starb. Sinnbildlich werden diese Pole des Lebens in dem schlichten Grabmal von Papst Franziskus, der es sich auch als Papst über hundert Male nicht nehmen lies, vor dem ‚unbezahlbaren‘ Lapislazuli-gefassten Bild der Madonna in einem der Seitenaltäre zu beten.

Jede Transsubstantiation ist auch eine Inkarnation

Neben wunderbar vorgetragenem Fachwissen freute ich mich besonders an Dr. Raubs dialogischen Fähigkeiten. Die Frage, ob in die Mosaiken entlang der Kolonnaden Heilsgeschichte auch als Substitution darstellen, da diese unweigerlich in Jesus Christus kulminiert, nahm er ergebnisoffen auf: „Es ist keine Schöpfungsgeschichte, sondern Verbildlichung von Wachsen und Werden“. Analog wies er auf eine Verbindung hin zwischen Architektur und Theologie des Hochaltars: „Jede Transsubstantiation - jede Verwandlung - ist auch Inkarnation - Stoff-Werdung“.

 

Für den Donnerstagnachmittag waren wir noch einmal mit Prof. Heid verabredet, um tiefer in die liturgiegeschichtlichen Entwicklungen einzutauchen, die sich in den Kirchen SS Cosma e Damiano sowie S Clemente aufzeigen lassen. Während des Fußwegs zwischen den beiden Kirchen ließ es sich Prof. Heid trotz Regens nicht nehmen, uns den Blick zu öffen für den dazwischen gelegenen Konstantinsbogen sowie die Verbindungsachsen des alten und päpstlichen Roms.
Man sieht anders im Gehen und nimmt Sichtachsen durch den wiederholten Blick deutlicher wahr.

Dieser 2. Blick ist auch symbolisiert in den zwei Schlüsseln, die Petrus stets in Händen hält. Darauf hinweisend, deutet Prof. Heid in SS Cosma e Damiano diese Doppelschlüssel als ein „Vier-Augen-Prinzip“. Keiner kann es alleine. Lediglich der Stellvertreter Christi hat die Vollmacht zum Schließen und zum Öffnen.
Dieses Motiv der Doppelungen und Mehrungen in der Liturgie durchzieht unsere nachmittägliche „katechetische“ Arbeitseinheit. Sei es aus Pragmatismus, Vorsicht oder Inkulturation, unser Sehen wird an vielen Beispielen darauf aufmerksam gemacht.
So erleben wir zunächst in dieser am Forum Romanum gelegenen ‚Basilica minor‘, die auf Teilresten des von Vespasian nach dem Jüdischen Krieg erbauten Templum Pacis steht, eine kunst- und theologiegeschichtliche Reise durch das Apsis-Mosaik.
Im anschließenden Besuch der ‚Unterkirche‘ mit ihrem sicht-offenen Reliquienaltar erfahren wir von der Praxis der doppelten Konsekration. Und so eröffnet sich selbst für unseren Experten Prof. Heid in der heutigen Praxis, Gebetsanliegen auf Papierzetteln in diesen ehemaligen Reliquien-Altar abzulegen, ganz neue Perspektiven, die er freimütig und beherzt in seine „Exegese“ mit aufnimmt.

Diese Flexibilität auf geänderte und widrige Umstände situativ positiv zu reagieren, erweist sich als eine weitere Fähigkeit von Prof. Heid beim Betreten der Kirche S Clemente, denn der Bau und die Ausschmückung sind ein Kleinod, doch leider bei unserem Besuch - und auf einige Jahre hin - eingerüstet und in Renovierung.

Wir erahnen vor Bauzäunen, Abdeckungen und Gerüsten stehend wovon wir hören: Von vielen ‚Renovierungen‘ innerhalb des Klerus, der Sitz- und Leseordnung des versammelten Kirchenvolkes, der Höhe und Ausrichtung von Ambonen und der römischen Liturgie, die unter anderem von dieser Kirche und den Benediktinern ausgingen. Weiter erfahren wir, dass die gewestete Apsis eine Liturgie des Kreuzes und nicht der Hierachie zeigt; sowie von einer Taufe, durch die wir alle gleich sind.
Dass diese vielen Reformen und Neuausrichtungen sich über die Zeit immer wieder verselbständigen und auch den Weg von Askese zu Ausschmückung nahmen, kann man versinnbildlicht auch in der Mosaikdarstellung der „ewig sich verzweigenden Arkantus Pflanze“ nachvollziehen. Ausschnitte sehen wir davon mit etwas Glück zwischen den Planen.

Die Unverfügbarkeit dieses kirchlichen Liturgie-Baues mag Prof. Heid nicht schrecken, hat er doch genug Wissen um Querverbindungen in den vier Unterbauten von S Clemente aufzuzeigen. Wir steigen über 4 Ebenen hinab, bis wir an antike ‚Wasserläufe’ gelangen, deren Ursprung und Ziel jedoch selbst unserem fachkundigen Experten bisher ‚versiegt‘ geblieben sind.

Als wir S Clemente erfüllt verlassen, wissen wir von Prof. Heid, dass besonders diese Kirche wie auch S. Maria in Aracoeli für weitere Pilgerreisen Ziel- und Sehnsuchtsorte bleiben.

Die lesenden Mönche, von Ernst Barlach

Lesende Mönche von Ernst Barlach, hier in der Gertrudenkapelle Güstrow; Bild: Matthias Bethke,
CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Blick auf den Petersdom aus den Vatikanischen Gärten

Blick auf den Petersdom aus den Vatikanischen Gärten; Bild: Christopher Groß

Die Woche bot viel Orientierung, Sehschärfe und wunderbare Anregungen zum Weiterdenken, Wiederkommen und Wahrnehmen unserer Kirche in Rom, aus Rom und mit Rom. So schließt dieser selektive Bericht mit einem Bild auf St. Peter aus den Vatikanischen Museumsgärten.

Christopher Groß
Christopher Groß

Christopher Groß ist Teilnehmer des Aufbaukurses Theologie sowie Mitglied des Fördervereins von Theologie im Fernkurs. Außerdem ist er staunender Betrachter der Kunst in den Vatikanischen Museen (siehe Bild: „Staunen nur kann ich … stammeln auch wir, die die Erde gebar.“)


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