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Dr. Rainer Dvorak

Dr. Rainer Dvorak am Schreibtisch während des Umzugs. 

„Der Hörsaal im eigenen Wohnzimmer“

Von 2005 bis 2009 leitet Dvorak „Theologie im Fernkurs“. Wenn er heute davon erzählt, spricht er weniger über Strukturen als über die Menschen, die dort studieren. Es beeindruckt ihn bis heute, dass Menschen neben Beruf, Familie und Ehrenamt Zeit und Energie aufbringen, um sich mit Theologie auseinanderzusetzen. Während er selbst dafür bezahlt wurde, sich den ganzen Tag mit theologischen Fragen zu beschäftigen, setzen sich andere nach Feierabend noch an ihre Lehrbriefe. Das habe ihn mit „allergrößten Respekt“ erfüllt. Dvorak nennt diese Menschen einen „Schatz der Kirche“: Menschen, die mehr von ihrem Glauben wissen wollen, die in die „Denkrechenschaft“ dieses Glaubens eintreten und das Gelernte mit an die Orte nehmen, an denen sie leben. Sein Urteil fällt eindeutig aus: „Wenn es Theologie im Fernkurs nicht gegeben hätte, hätte man ihn erfinden müssen.“ Was das Modell besonders macht, bringt er auf eine ebenso einfache Formel: „Der Hörsaal im eigenen Wohnzimmer.“ Theologie studieren, ohne den eigenen Lebensmittelpunkt verlassen zu müssen. Lernen zu Zeiten, die zum eigenen Alltag passen. Und zugleich wissenschaftlich arbeiten: fragen, prüfen, unterscheiden, was theologisch redlich gesagt werden kann – und was nicht.
Dabei darf das Gespräch nicht fehlen. „Theologie, glaube ich, wird im Disput oder im Gespräch und Dialog gelernt“, sagt Dvorak. Die Lehrmaterialien müssen aus sich heraus verständlich sein, aber das gemeinsame Nachdenken bleibt unverzichtbar. Die Digitalisierung hat dafür neue Möglichkeiten geschaffen: Film, Ton, Grafiken, neue Kommunikationsformen. Dvorak selbst bleibt gerne beim Text. „Oldschool“, nennt er sich mit einem Lachen. Was die Jüngeren aus den neuen Möglichkeiten machen, müsse aber nicht mehr seine Entscheidung sein. Auch das ist Abschied: etwas weiterzugeben, ohne festzulegen, wie es weitergehen muss.

Dass Theologie Menschen erreichen soll, zieht sich durch Dvoraks gesamte Bildungsarbeit. Beim Fernkurs bedeutet das, wissenschaftliche Theologie zugänglich zu machen, ohne ihren Anspruch aufzugeben. Im Laufe der Jahre kommt für ihn noch etwas hinzu: Wer Menschen erreichen will, darf nicht nur überlegen, wie er die eigenen Antworten besser vermittelt. Er muss zunächst herausfinden, welche Fragen die Menschen überhaupt stellen.

Erst einmal hören

Ein Projekt aus Dvoraks Zeit als Akademiedirektor zeigt besonders deutlich, wie sich sein Verständnis theologischer Bildungsarbeit weiterentwickelt hat: die „AndersOrte“. Die Idee entsteht zunächst aus der Not. Die Domschule kann ihre eigenen Räume zeitweise nicht nutzen. Statt einfach andere Säle anzumieten, geht das Team bewusst dorthin, wo bestimmte Fragen entstehen: ins Rathaus, ins Gericht, in die Psychiatrie. Dort macht Dvorak eine Erfahrung, die ihm in Erinnerung geblieben ist: Für eine Veranstaltung in der Psychiatrie bringt das Team die Frage mit: „Was ist normal?“ Die Reaktion der Fachleute dort: Das sei gar nicht ihre entscheidende Frage. Sie beschäftige vielmehr: Ist der Mensch frei? Für Dvorak wird das zum Schlüsselmoment. „Da habe ich gelernt: Nicht wir bringen die Antworten auf Fragen, die gar keiner stellt.“ Stattdessen müsse die erste Frage lauten:

„Was ist überhaupt euer Thema?“

Erst einmal hören. Nicht davon ausgehen, dass Kirche und Theologie die Antworten längst besitzen und diese nur noch verständlich genug nach außen tragen müssten. Sondern Räume eröffnen, in denen gemeinsam über die Fragen nachgedacht werden kann, die Menschen tatsächlich beschäftigen. Vielleicht beschreibt kaum etwas deutlicher die Bewegung in Dvoraks Berufsleben: Der junge Mann wollte die Welt verstehen und sie anderen verständlich machen. Der Erwachsenenbildner lernte zunehmend, zunächst zuzuhören.
Diese Haltung entstand nicht im Alleingang. Viele der Ideen, die Dvoraks Zeit als Akademiedirektor geprägt haben, wurden im Team entwickelt und getragen.

„Mut“

Auch auf seine 17 Jahre als Akademiedirektor schaut Dvorak nicht als Solist zurück. Auf die Frage, was er von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gelernt habe, kommt die Antwort schnell: „Mut.“ Den Mut, Dinge auszuprobieren. Die „AndersOrte“ tatsächlich zu wagen. Große Projekte anzupacken. Ideen umzusetzen, bei denen seine eigene Schüchternheit oder Vorsicht manchmal zunächst gebremst habe. „Wir machen das jetzt“ – diese Haltung habe er sich vom Team abschauen können. Dazu kommen für ihn Kollegialität, Solidarität und die Erfahrung, dass unterschiedliche Perspektiven bessere Entscheidungen ermöglichen. Die „Multiperspektivität“ des Teams habe ihn getragen. Dass einer nach 17 Jahren als Direktor beim Abschied nicht zuerst davon spricht, was er andere gelehrt hat, sondern davon, was er selbst gelernt hat, passt zu seinem Verständnis von Bildung.

Wenn man nicht mehr das Wort ergreifen muss

Worte waren über Jahrzehnte Dvoraks Arbeitsmittel: Vorträge, Moderationen, Rundfunkansprachen, Gottesdienste, Begrüßungen. Immer wieder war er derjenige, der das Wort ergreifen musste. Wird ihm das fehlen? Nicht unbedingt; öffentlich zu sprechen sei eine Freude gewesen, aber auch anstrengend. Dvorak kennt die Abende, an denen man in einem Saal eine Stecknadel hätte fallen hören können. Und die anderen, an denen man redet „wie ein Weltmeister“ und merkt, dass die Aufmerksamkeit längst woanders ist. Daraus hat er etwas gelernt:

„Die Wirkung des Wortes liegt überhaupt nicht in meiner Hand.“

Vielleicht passt dazu, dass für ihn in den vergangenen Jahren die Kontemplation wichtiger geworden ist. Früher habe er versucht, sich die Welt vor allem über den Kopf zu erschließen. Heute brauche er Zeiten, in denen er aufmerksam dafür werde, „was sich alles ohne mein Zutun ereignet“. Und dann fällt ein Satz, der für jemanden, der viele Jahre geplant, geleitet und gestaltet hat, beinahe wie ein Gegenprogramm klingt: „Das meiste ereignet sich ohnehin ohne unser Zutun.“

Wer bin ich – ohne Amt?

Am 1. Oktober beginnt für Rainer Dvorak der Ruhestand. Nach 25 Jahren an der Domschule und 17 Jahren an der Spitze der Akademie endet damit ein Berufsabschnitt, der einen großen Teil seines Lebens geprägt hat. Die Verantwortung für die Akademie gibt er weiter – und mit ihr Termine, Entscheidungen, Sitzungen und die Selbstverständlichkeit, dass das Telefon klingelt, weil irgendwo seine Unterschrift, seine Einschätzung oder seine Moderation gefragt ist.
Ganz ohne Pläne beginnt der neue Abschnitt trotzdem nicht. Dvorak möchte mehr lesen – „anderes als Akten und Formulare“. Er freut sich auf mehr Zeit für Familie und Enkelkinder. Vor allem freut er sich auf mehr Freiheit.
Einzelne Veranstaltungen stehen bereits fest. Gleichzeitig möchte Dvorak seinem Nachfolger bewusst Raum geben. Er hat selbst erlebt, wie befreiend es sein kann, wenn ein Vorgänger tatsächlich geht und nicht ständig mit Ratschlägen zurückkehrt.
Für diese Zeit zwischen Abschied und Neubeginn findet Dvorak Worte bei Dichtern. Rainer Maria Rilkes Bild vom Leben in „wachsenden Ringen“ beschäftigt ihn. Der Ruhestand, sagt Dvorak, könne Dinge an ihm freilegen, die er selbst bislang noch gar nicht kenne. Und dann ist da Dietrich Bonhoeffers Frage: „Wer bin ich?“ Bei seiner Verabschiedung hat Dvorak viele Zuschreibungen über sich gehört. Nun fällt eine davon weg: Akademiedirektor. Wer bleibt, wenn das Amt nicht mehr die Antwort gibt? Dvorak hat darauf noch keine fertige Antwort. Vielleicht muss er sie auch noch gar nicht haben.

Am Ende des Gesprächs richtet sich der Blick noch einmal auf „Theologie im Fernkurs“. Was würde er einem Menschen wünschen, der heute mit dem Studium beginnt? Dvorak denkt kurz nach. Sein Wunsch: die eigene Leidenschaft nicht zu verlieren. Denn wer sich für „Theologie im Fernkurs“ anmeldet, den treibt etwas an – ein „vitales, vielleicht auch leidenschaftliches Interesse an Theologie“, an der Frage nach dem, was die Welt im Innersten zusammenhält. Diese Neugier soll bleiben, auch wenn Lehrbriefe anspruchsvoll werden, sich der Alltag dazwischenschiebt oder neue digitale Lernformen hinzukommen. Dass die Studierenden „sich diese Leidenschaft bewahren“ können, sagt Dvorak, das sei sein Wunsch.

Das Gespräch ist längst länger geworden als geplant. Schließlich geht es wieder nach oben aus der kühlen Kellerbar. Für Rainer Dvorak warten noch die letzten Tage im Büro – und danach ein Lebensabschnitt, von dem er selbst noch nicht genau weiß, welche Ringe er ziehen wird. Nur eines scheint sich vom Jugendlichen in Weißenburg bis zum künftigen Ruheständler nicht verändert zu haben: die Neugier auf das, was hinter den Dingen liegt.

Und auf dem Heimweg wartet erst einmal noch der Einkauf.

Philippa Haase
Philippa Haase

Philippa Haase ist Studienleiterin bei Theologie im Fernkurs. 


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