„Je suis Marie“ - Stellungnahmen prominenter Männer
Alle nachfolgenden Zitate sind dem Artikel „Je suis Marie“ in Christ & Welt , Nr. 29 vom 11. Juli 2019 entnommen.
„Was Maria 2.0 bewegt und fordert, ist nicht nur Sache der Frauen! Es ist heftiges Anliegen aller, die ihre katholische Kirche lieben und als einen Ort ihrer Beheimatung empfinden.“ So beurteilt der SPD-Politiker und Katholik Wolfgang Thierse (von 1998 bis 2005 Präsident des Deutschen Bundestages) die Anliegen von Maria 2.0 und schreibt ein wenig später: „Es ist Zeit für Ungeduld, es ist Zeit für Konsequenzen! Das betrifft nicht nur die Frauen, nicht nur die ‚Laien‘, sondern eben auch die Männer in der Kirche, also die Kleriker. Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Kirche beschrieben als 'das wandernde Volk Gottes‘. Auf der Stelle treten ist kein Wandern!“
An diesen Hinweis auf die katholische Kirche als Weltkirche schließt Thierses Parteifreund Hans-Jochen Vogel an, wenn er schreibt: „Natürlich müssen wir das Weltkirchenprinzip beachten. Wir können nicht von einem Tag auf den anderen etwas verändern und erwarten, dass alle Weltregionen mitziehen. Aber man muss die Veränderung als Ziel im Auge behalten. Es geschieht doch längst: In den mit unserer Kirche unierten Ostkirchen dürfen ja auch Verheiratete Priester werden.“ Hans-Jochen Vogel spitzt die Anliegen der Bewegung Maria 2.0 zu, indem er fordert, dass sich die Frauen hierzulande mit Frauen in anderen Weltregionen vernetzen, um Druck auf „die Kirchenmänner“ auszuüben. Schließlich stellt er sogar eine Art ‚Schicksalsfrage‘: „Wollen wir Katholiken eine große gesellschaftliche Bewegung bleiben, die mit ihren Werten die Gesellschaft beeinflussen kann? Oder wollen wir schrumpfen auf eine kleine, extrem konservative Gruppe, die ihren Einfluss verliert?“
Der CDU-Politiker und Gesundheitsminister Jens Spahn weist auf Widersprüche zwischen Auftrag, Motivation und konkretem Handeln hin: „Als Politiker bin ich mir christlicher Werte und Traditionen bewusst. Gleichzeitig weiß ich: Es ist nicht immer leicht, konkretes politisches Handeln widerspruchsfrei an der Lehre des Evangeliums auszurichten. […] Als Mitglied des Bundestages bin ich von Bürgern gewählt und nicht von der Kirche entsandt. Doch als Katholik treibt mich die Frage nach der Zukunft meiner Kirche um.“ Mit dem Hinweis, er habe große Sympathien für die Anliegen der Frauen von Maria 2.0 setzt Spahn wiederum bei der Botschaft Jesu selber an: „Jesus hat seine Botschaft allen Menschen gleichermaßen verkündet, unabhängig vom Geschlecht und unabhängig davon, wer wen liebt. Angefangen mit der Gottesmutter Maria über die heilige Elisabeth von Thüringen – Frauen hatten für den Katholizismus immer eine tragende Rolle: in den Familien, in den Gemeinden, spirituell, Gemeinschaft stiftend, organisatorisch.“ Mit dem Bewusstsein für Widersprüche schließt Jens Spahn auch sein Statement ab: „Auch wenn es viele in der Kirche – gerade in der Weltkirche – anders sehen: Ich fände hier neue Wege gut.“
„Der Protest ist richtig. Er ist wichtig. Er muss noch kraftvoller werden, um seinem Namen gerecht zu werden: Maria 2.0“, schreibt Heribert Prantl (bis 2019 in der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung), um dann gleich zu begründen: „Maria, die Namensgeberin des Protestes, hat im Magnificat, in ihrem großen Lobgesang, gesagt: ‚Gott stürzt die Mächtigen vom Thron.‘ Die Mächtigen in der katholischen Kirche sind die dortigen Hierarchien, die Bischöfe und die Priester. Ihr männlicher, ihr patriarchaler Alleinvertretungsanspruch muss gestürzt werden.“ Anschließend setzt Prantl noch eine weitere biblische Begründung hinzu: „Geist ist in der hebräischen Bibel feminin, eine Die, eine schöpferische, weibliche, pfingstliche Kraft: Sie reformiert, sie revolutioniert, sie macht neu. Es ist Zeit dafür, dass die katholische Kirche neu wird: weiblicher.“
Der Benediktiner Anselm Grün aus Münsterschwarzach ordnet theologische Bewertungen zu den Anliegen von Maria 2.0 ein: „Eine Theologie, die sich darauf beruft, dass Jesus ein Mann war und daher nur Männer Priester sein können, möchte nur den Status quo hochhalten. Doch diese Theologie ist unhaltbar. Sie gründet auf gesellschaftlichen Vorurteilen, wie sie lange von Männern Frauen gegenüber gehegt wurden.“ Zudem verkenne ein Status quo, der Männern stets den Vorzug gibt, die Rolle der Frauen im Laufe der Kirchengeschichte: „In der Kirchengeschichte waren es oft Frauen, die wichtige Bewegungen in Gang setzen, so etwa Hildegard von Bingen, Katharina von Siena, Teresa von Ávila (...).“ Letztlich gehe es darum, einander zuzuhören und gemeinsam zu lernen: „So sollten wir Männer darauf hören, was die Frauen heute an neuen Ideen und Bewegungen in der Kirche einbringen könnten.“