
Bild: Synodaler Weg/Malzkorn
Weitere Artikel aus der Rubrik
Theologische Blickpunkte
Theologische Blickpunkte
Bild: Synodaler Weg/Malzkorn
Perspektiven auf den Synodalen Weg
01. Januar 2021

Bild: Synodaler Weg/Malzkorn
Bild: Synodaler Weg/Malzkorn
Nachdem sich zu Beginn des letzten Jahres 230 Delegierte auf der erste Synodalversammlung in Frankfurt am Main getroffen hatten, fanden im Herbst 2020 coronabedingt Regionalkonferenzen an vier unterschiedlichen Orten in Deutschland statt. Von einer dieser Regionalkonferenzen berichtet Julia Knop im folgenden Artikel. Sie ist Professorin für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt und Mitglied der Synodalversammlung sowie des Synodalforums „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“Synodalforums „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“.

Kreuz des Synodalen Wegs; Bild: Synodaler Weg/Robert Kiderle
COVID-19 hat unser aller Leben verändert. Bildung und Schule, Wirtschaft und Kultur stehen vor enormen Herausforderungen. Das Gesundheitssystem musste in kürzester Zeit angepasst werden. Im zwischenmenschlichen Bereich ist das Abstandsgebot eine große Herausforderung. Menschen halten Distanz zueinander, größere Menschenansammlungen müssen vermieden werden. Die Kirchen treffen diese Erfordernisse ins Mark. Denn die Versammlung zum Gottesdienst, das schulische Miteinander und die menschliche Nähe in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern mussten binnen kürzester Zeit radikal eingeschränkt werden. Manches ließ sich ins Digitale auslagern. Es sind viele kreative Formate entwickelt worden, auf neue Weise Kirche zu sein. Doch wer Schmerzen hat oder im Sterben liegt, braucht Nähe und Berührung. Eine Krankensalbung kann man nicht per Videokonferenz feiern. Ob Messe, Taufe oder Trauung: Es braucht die physische Versammlung. So vielfältig die Partizipationsmöglichkeiten via Internet sind – ein „Like“ ist kein „Amen“. Kinder in prekären Familienverhältnissen, alleinstehende Erwachsene oder Menschen, denen die Pandemie Arbeit und Einkommen genommen hat, brauchen direkte Hilfe und Zuwendung von Mensch zu Mensch.
Was macht die Pandemie mit dem Synodalen Weg? Dazu haben die Professor/inn/en Hoff (Salzburg), Knop (Erfurt) und Söding (Bochum) einen Impuls gegeben, der Anfang September 2020 in die Aussprache der Regionalkonferenzen des Synodalen Wegs eingeflossen ist. Sie haben vier Beobachtungen eingebracht:

Synodalversammlung; Bild: Synodaler Weg/Jochen Reichwein
Trotz der corona-bedingten Einschränkungen haben die Foren des Synodalen Wegs ihre Arbeit aufgenommen. Auf den Regionalkonferenzen im Herbst 2020 wurde über einen Entwurf des Forums diskutiert, das zu „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“ arbeitet. Dieses Feld ist weit; die Herausforderungen sind immens. Die katholische Sexualmoral gilt als nicht zeitgemäß, welt- und beziehungsfremd. Über kirchliche Vorgaben zur Familienplanung spricht kaum noch jemand. Sexuelle Beziehungen vor und jenseits einer Ehe finden weithin Akzeptanz. Die offizielle Haltung der Kirche zur Homosexualität wird als diskriminierend wahrgenommen. Dass man „sex“ (als biologisches Geschlecht) und „gender“ (als soziales Geschlecht) unterscheiden und eine gendersensible Sprache kultivieren muss, ist allenthalben selbstverständlich. In der katholischen Kirche gilt das jedoch immer noch als „Ideologie“. Angesichts der massiven Fälle sexualisierter Gewalt durch Kleriker ist eine prekäre kirchliche Doppelmoral offenkundig geworden.
Was sind die Grundlagen?
Es braucht eine Verständigung über die Grundlagen. Konsens besteht darin, dass Sexualität eine Schöpfungsgabe Gottes ist und in Liebe gestaltet werden soll. Doch was daraus folgt, ist umstritten. Ist sexuelle Selbstbestimmung nur ein Ideal? Oder handelt es sich um ein Recht jedes und jeder einzelnen? Ist Sex nur dann in Ordnung, wenn man gemeinsam Eltern werden will? Oder sind Liebe und Zeugung eigenständige Dimensionen menschlicher Sexualität? Können nur heterosexuelle Paare auf Gottes Segen bauen? Oder gilt dies unabhängig von der sexuellen Orientierung der Partner? Gibt es eine ein für allemal geltende eindeutige Offenbarung Gottes für menschliche Beziehungen? Oder kann sich kirchliche Ehelehre mit der Zeit weiterentwickeln?
Ein Kompromiss ist nicht in Sicht
Letztlich geht es um die Frage, ob man der Zeugungsfähigkeit oder der Beziehung zweier Partner das letzte Wort lässt. Die traditionelle kirchliche Lehre steht für die erste, die Überzeugung vieler Katholik/inn/en für die zweite Option. Das wurde in den Debatten sehr deutlich. Insbesondere die jungen Leute und diejenigen, die in nichtkirchlichen Berufen arbeiten, verwiesen zudem darauf, dass selbst eine entsprechend erneuerte kirchliche Sexualethik vom realen Leben weit entfernt wäre. Im Arbeitstext des Forums wurden die Konfliktlinien durch alternative Antwortmöglichkeiten offengelegt. Denn ein Kompromiss oder Einstimmigkeit sind nicht in Sicht. Am Ende wird man, so das Stimmungsbild der Synodalen in Berlin, Dortmund, Frankfurt/M., Ludwigshafen und München , Mehrheitsbeschlüsse verabschieden. Abweichende Sondervoten können natürlich eingebracht werden. Doch Ehrlichkeit tut not, wenn die Kirche auf dem Feld von Liebe und Sexualität wieder glaubwürdig und sprachfähig werden will. Alles beim Alten zu lassen, weil womöglich keine Einstimmigkeit erreicht wird, löst die Probleme jedenfalls nicht.
Der Synodale Weg ist ein Gesprächsprozess innerhalb der katholischen Kirche in Deutschland. Er soll der Aufarbeitung von Fragen dienen, die sich im Herbst 2018 nach der Veröffentlichung der sogenannten MHG-Studie über sexuellen Missbrauch in der Kirche ergeben haben. Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken verantworten gemeinsam diesen Prozess, der auf zwei Jahre angelegt ist und am 1. Dezember 2019 eröffnet wurde.
Prof. Dr. Julia Knop ist Professorin für Dogmatik an der Universität Erfurt und Mitglied des Synodalen Wegs.