Kirchengeschichte des Altertums; Cover: Kohlhammer
Für die Geschichte des Christentums und der Kirche(n) sind die ersten Jahrhunderte von besonderer Bedeutung. Bei der sogenannten „Zeit der alten Kirche“ handelt es sich um „die erste große und in sich geschlossene Periode der Entfaltung, die exemplarischen Charakter hat“, und eben „nicht [um] eine beliebige Periode der Kirchengeschichte“1. Das Fach „Alte Kirchengeschichte“ oder „Kirchengeschichte des Altertums“, das sich mit dieser Zeit befasst, lenkt daher den Blick auf „die ‚Anfänge‘, deren Erforschung für die gesamte christliche Theologie von Bedeutung ist“2.
Schon daher ist es zu begrüßen, dass sich Christian Lange, Privatdozent für Kirchengeschichte und Patrologie, stellvertretender Direktor und Akademischer Oberrat am Bayerischen Forschungszentrum für Interreligiöse Diskurse der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, dieser grundlegenden Phase der Geschichte annimmt und im Kohlhammer-Verlag Stuttgart ein Studienbuch zur „Kirchengeschichte des Altertums“ vorlegt. Es basiert auf Vorlesungen, die der Autor in den Jahren 2022-2024 als Vertreter des Lehrstuhls für Alte Kirchengeschichte und Patrologie an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg gehalten hat. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch der inhaltliche und didaktische Angang des Studienbuches: Der umfangreiche Gegenstand des Werkes wird diachron in sechs großen Kapiteln vorgestellt, um Zusammenhänge und Entwicklungslinien deutlicher herauszustellen: Ausbreitung (S. 29-78), Kirchliche Ämter und Strukturen (S. 79-105), Die Kirchen und die antiken „Staaten“ (S. 106-143), Christliche Lebensführung (S. 144-185), Ausgewählte Personen (S. 186-194) sowie Lehrentwicklung (S. 195-244). Diese Schwerpunkte ergeben sich aus der Erfahrung in der praktischen Arbeit mit Studierenden und der damit verbundenen Orientierung an den im Lehramtsstudium vorgesehenen Inhalten (S. 9). Jedem Kapitel ist ein Profil der Kompetenzerwartungen vorangestellt, ein „Selbstcheck“ rundet es jeweils am Ende ab. Mit diesem didaktischen Rahmen ist eine erste Unterscheidung zu den bisherigen Einführungswerken mit ähnlichem Umfang greifbar, etwa die Kirchengeschichte des Altertums von Norbert Brox (Düsseldorf 1983; zuletzt 2008) oder die beiden Bände Zentrale Aspekte der Alten Kirchengeschichte von Johannes Hofmann (Würzburg 2013).
Weitere besondere Akzente werden in der Einleitung (S. 11-28) deutlich: Hier wird zunächst der Gegenstand des Faches „Kirchengeschichte des Altertums“ umrissen. Der Autor entwickelt drei „Lehrkreise“, um die Geschichte der Kirchen auch über den jüdischen und den griechisch-römischen Kulturkreis hinaus in den Blick zu nehmen. Den inneren Kreis, gleichsam das Zentrum, bildet die (eigene) westlich-lateinische Tradition des Christentums. Darum schließt ein zweiter, ökumenischer Lehrkreis an und weitet die Perspektive „konfessionssensibel“ (S. 14) auf die griechisch-byzantinische und die orientalische Tradition. Den dritten Lehrkreis schließlich bildet ein „interreligiös-diskursiver Blickwinkel“ (S. 14), der vor dem Hintergrund „der interreligiösen Begegnung und Auseinandersetzung“ (ebd.) mit den klassischen antiken Religionen und dem Judentum, aber auch mit der Philosophie, dem Islam und den asiatischen Religionen Verbindungs- und Trennlinien zwischen den drei monotheistischen Religionen aufzeigt. Gerade dieser dezidiert interreligiös-diskursive Ansatz zeichnet das vorliegende Studienbuch aus. Hier berührt sich sein Anliegen mit der monumentalen Monographie Andreas Merkts Die religiöse Verwandlung der Welt. Die Anfänge „moderner“ Religion in der Spätantike (Freiburg i. Br. 2024). Hinzu kommt die schon angesprochene Perspektiverweiterung auf die „östlichen“ christlichen Traditionen, besonders auch die außerhalb des Imperium Romanum.
Dementsprechend konsequent ist die vorgelegte Periodisierung, die auf Basis neuer Forschungen zur Spätantike den Untersuchungszeitraum in drei Abschnitte einteilt, die ineinander übergehen: „Die frühe Phase“ von den Anfängen bis zum Tod Konstantins I. (337), „[d]ie Phase der ‚römischen Reichskirche‘“ vom Konzil von Nicaea (325) bis zur Synode von Konstantinopel (536), und „[d]ie Phase der Polyphonie des Christentums im Altertum“ vom 6. bis ins 8. Jahrhundert, in der sich die verschiedenen christlichen Traditionen ausprägten (S. 15-17).
Auch die Erläuterungen zur Fachbegrifflichkeit des Studienbuches (S. 21-28) folgen dieser Grundrichtung, wenn etwa die in der Kirchengeschichtsschreibung in der Regel als „Ökumenische Konzilien“ bezeichneten sieben Bischofsversammlungen des Altertums, die vom römischen Kaiser einberufen wurden (von Nicaea I [325] bis Nicaea II [787]) „als ‚reichskirchliche‘ Synoden“ (S. 27) bezeichnet werden, um darauf hinzuweisen, dass diese mit wenigen Ausnahmen nur von Bischöfen innerhalb des Römischen Reiches besucht wurden, während es etwa im Perserreich eigene reichsweite Synoden gab.
Auf diesem Fundament ruht die Abhandlung der sechs ausgewählten Themenbereiche, die immer wieder unter Bezugnahme auf einschlägige Quellen erfolgt. Wenn auf Forschungsliteratur verwiesen wird, dann oft auf solche mit einführendem Charakter (daher wird wohl auch auf thematische Literaturempfehlungen am Ende der Kapitel bzw. auf ein Literaturverzeichnis insgesamt verzichtet). Das ist dem Format eines Studienbuches durchaus angemessen, das nicht tief in Forschungsdebatten einsteigen kann, auch wenn es sich der interessierte Leser bisweilen wünschen mag (etwa zur Frage der Hinwendung Konstantins zum Christentum; S. 123). Das Studienbuch ist gut lesbar, reich bebildert und enthält auch zahlreiche Tabellen und Grafiken, die das Studium der Inhalte unterstützen.
Somit stellt das vorliegende Werk einen guten Einstieg in zentrale Bereiche der Kirchengeschichte des Altertums dar, der Interesse weckt, tiefer einzutauchen. Die besondere Ausrichtung des Studienbuches sensibilisiert für die Vielfalt des Christentums in der Spätantike und weitet den sonst meist stark auf das Römische Reich fokussierten Blick. Dieser Blick auf die Kirche und das Christentum im Imperium Romanum ist natürlich gerade aus einer westlichen Perspektive durchaus begründet und auch im vorliegenden Studienbuch ist die Kenntnis der eigenen Tradition als innerer der drei Lehrkreise von großer Bedeutung – ein solcher Blick sollte aber nicht mit „Scheuklappen“ erfolgen. Hier macht das Studienbuch auf den reichen Schatz der christlichen „Traditionen“ aufmerksam, den es wieder neu zu heben und zu entdecken gilt.
1 G. Schöllgen, Alte Kirchengeschichte und Theologie der frühen Kirche, in: J. Wohlmuth (Hg.), Katholische Theologie heute. Eine Einführung, Würzburg 1990, 204-215; hier: 205f.
2 N. Baumann, Verortet in Zwischenräumen? Alte Kirchengeschichte und Patrologie als wissenschaftliche Disziplinen, in: B. P. Göcke (Hg.), Die Wissenschaftlichkeit der Theologie, Bd. 2: Katholische Disziplinen und ihre Wissenschaftstheorien, Münster 2019, 53-84; hier: 68.
Dr. Daniel Greb ist Studienleiter bei Theologie im Fernkurs.