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Eugen Biser

Eugen Biser, Bild: Eugen-Biser-Haus, Oberbergen.

Mit dem Menschen anfangen, um von Gott zu sprechen. Eugen Biser und der erste Lehrbrief von Theologie im Fernkurs

26. Oktober 2026
Eugen Biser

Eugen Biser, Bild: Eugen-Biser-Haus, Oberbergen.

Im Jahr 1970 startete der Würzburger Theologische Fernkurs mit dem ersten Lehrbrief „Der Mensch dieser Zeit – seine Größe und seine Grenzen“. Der Verfasser ist der Theologe und Religionsphilosoph Eugen Biser (1918–2014). Rückblickend ist dieser allererste Lehrbrief auf doppelte Weise aufschlussreich: Einerseits lässt sich daran die Programmatik von Theologie im Fernkurs insgesamt ablesen; andererseits kristallisieren sich darin Eugen Bisers Denken und Anspruch an die ‚Rede von Gott‘ heraus, was viele Entwicklungslinien seines Schaffens in den darauffolgenden Jahrzehnten vorzeichnet.

Eugen Biser war zum Zeitpunkt der Abfassung Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie an der Universität Würzburg. 1975 wurde er als Nachfolger von Romano Guardini und Karl Rahner auf den „Lehrstuhl für Christliche Weltanschauung“ an der Ludwig-Maximilians-Universität München berufen. Wenn Biser in dem Lehrbrief von der „Größe“ und den „Grenzen“ des Menschseins spricht, so sind die dahinterstehenden Erfahrungen sowohl durch den gesellschaftlichen und konziliaren Aufbruch beeinflusst als auch biographisch durchtränkt und durchlitten. Biser gehört, ähnlich wie Bernhard Häring oder Johann B. Metz, einer Generation von Theologen an, die durch die Erfahrungen ihrer Kriegseinsätze im Zweiten Weltkrieg lebenslang geprägt war – gerade auch im Hinblick auf ihr theologisches Denken. Als Wehrmachtssoldat wurde Biser im Herbst 1942 an der Ostfront lebensgefährlich verwundet. So wusste er, wozu ein Mensch fähig ist und wie es um seine Angst und Todverfallenheit im Innersten steht.

Der erste Lehrbrief

Die erste Konzeption des Würzburger Theologischen Fernkurses sah vor, dass anhand von sog. „Gedankenkreisen“ die Theologie als Ganzes erschlossen werde. Man wollte bereits im Aufbau deutlich machen, dass man weder eine „Universitätstheologie im Kleinen“ anziele noch die Theologie „zerstücke[ln]“ wolle.1 Im Mittelpunkt steht das Verhältnis von Gott und Mensch mit dem Ziel, dass „[d]er christliche Glaube […] auf die Fragen des heutigen Menschen hin neu durchdacht und möglichst zum Sprechen“2 kommen soll. Wie Daniel Greb dargelegt hat, sollte dieses dialogische Prinzip von Mensch und Offenbarung, Lebenswelt und Evangelium auch in der Architektur des Fernkurses eingelöst werden.3 Dass im ersten Lehrbrief folglich ein anthropologischer Ansatzpunkt gewählt wurde, ist wenig überraschend – gedacht im Sinne einer ‚Wende zum Subjekt‘, eines starken Lebensweltbezugs und einer theologischen Korrelation. Umso stärker tritt die konkrete Ausgestaltung des Lehrbriefes hervor, wie sie bereits im Titel zum Ausdruck kommt.

Bisers Lehrbrief erkundet mit der Leserin bzw. dem Leser die Spannungsfelder, in die der Mensch ‚heute‘ hineingestellt ist. Die in der Pastoralkonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Gaudium et spes angeführten Gegensatzpaare von Reichtum und Hunger, von Freiheit und Knechtung, von Einheit und Abhängigkeit (vgl. GS 4) greift Biser auf, indem er seine Ausführungen zwischen „menschlicher Größe“ und „menschlicher Ohnmacht“ gliedert, da „erst das Zusammenspiel aus beiden das wahre Bild des Menschen ergibt“4. Es zeigt sich darin der grundsätzliche Versuch, weder in eine Fortschrittseuphorie noch in einen Kulturpessimismus einzustimmen, sondern den schmalen Grat dazwischen zu beschreiten und die Situation des Menschen in ihren Tiefenschichten nüchtern zu analysieren. Denn Biser hat überdeutlich wahrgenommen, dass die äußeren gesellschaftspolitischen, technischen, medizinischen, sozialen und medialen Faktoren dem Menschen zwar nie dagewesene Möglichkeitsräume eröffnen, damit aber ebenso große Barrieren und hemmende Faktoren für das Menschsein und das religiöse Leben einhergehen. Dies beeinträchtigt maßgeblich die Ausbildung des menschlichen Bewusstseins und seiner Identität – also die Fähigkeit, „zur Höhe seiner selbst gelangen“5 zu können.

Modalanthropologie

Eugen Biser wählt diese modalanthropologische Herangehensweise nicht nur, um einer substantial-essentialistischen Betrachtungsweise des Menschen zu entgehen, sondern insbesondere, um die Situation des Menschen existenziell-zeitdiagnostisch zu bestimmen. Jahrzehnte später wird er in seinen Werken „Der Mensch – das uneingelöste Versprechen. Entwurf einer Modalanthropologie“ (1995) und „Gotteskindschaft. Die Erhebung zu Gott“ (2006) die Spannungsfelder, in die der Mensch hineingestellt ist, weiter entfalten. Indem er den Menschen ganz von den Möglichkeiten seines Werden-Könnens her deutet, greift er auf Perspektiven zurück, die sich in der Philosophiegeschichte von Heraklit über Giovanni Pico della Mirandola bis hin zu Nietzsche und der Existenzphilosophie zurückverfolgen lassen, und er stellt diese in einen theologischen Kontext. Damit integriert Biser den Entwicklungsgedanken in eine theologische Anthropologie. Zugleich belässt er es nicht bei einem offenen Verständnis menschlicher Entwicklung, sondern gibt ihr ein theologisches Zielbild: Aus der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus folgert Biser, dass die Möglichkeiten des Menschseins bis zur Gotteskindschaft reichen und von daher unbegrenzt offen sind. Diese potenzielle Freiheit der eigenen Seinsweisen konfrontiert den Menschen aber zugleich mit einer Bestimmungsoffenheit, die auch als angstbesetzt erfahrbar werden kann. Vor diesem Hintergrund gewinnt die christliche Botschaft vom bedingungslos liebenden Gott einen ganz neuen modalanthropologischen Sinn: Erst von diesem absoluten Zuspruch her wird der Mensch in die Lage versetzt, die Angst vor der eigenen Unbestimmtheit zu überwinden und sich kreativ „zu den größeren Möglichkeiten des Daseins bewegen [zu] lassen“6.

Über die inhaltliche Ebene hinaus versteht Eugen Biser die Bildung von Laiinnen und Laien im Rahmen des Theologischen Fernkurses nicht lediglich als ein aktuelles Anliegen, sondern vielmehr als eine glaubenstheologische Notwendigkeit. Biser erkannte für das Christentum insgesamt die erforderliche Entwicklung hin zu einer „glaubensgeschichtliche[n] Wende“7, im Sinne eines Verstehens-, Erfahrungs- und Innerlichkeitsglaubens.8 Das setzt eine umfassende – auch intellektuelle – Auseinandersetzung mit ‚dem‘ Glauben voraus, und zwar gerade nicht in Form einer akademischen Fachtheologie in ihren diversen Einzelausprägungen; vielmehr strebte Biser eine ‚bewohnbare Theologie‘ an: eine Rede von Gott, die den Einzelnen existenziell nährt und seinen Glauben nachhaltig bildet. Dass der Theologische Fernkurs in seiner anfänglichen Ausrichtung „ein starkes Bedürfnis nach theologischer Orientierung“9 im Glauben erfüllen wollte und weniger eine formale Ausbildung anstrebte, passt in dieses Bild.

Eine vergleichbare institutionelle Stoßrichtung wie der Würzburger Fernkurs verfolgte Eugen Biser auch nach seiner Emeritierung. Im Wintersemester 1987/88 initiierte er an der Universität München eines der ersten universitären Seniorenstudienangebote im deutschsprachigen Raum, das er bis 2006 leitete. Diese Initiative war mehr als ein gesellschaftliches oder hochschulpolitisches Projekt – etwa im Sinne eines „lebenslangen Lernens“ –, sondern sie entsprach Bisers Verständnis von Bildung als „Sinnstiftung“ – mit einer theologisch-philosophischen Schwerpunktsetzung.10

Als Inhaber des renommierten ‚Guardini-Lehrstuhls‘ hatte Eugen Biser zwar eine große Freiheit in der thematischen Ausrichtung seiner Forschung und Lehre; es brachte aber den Nachteil, dass durch dessen Verankerung an der Philosophischen Fakultät keine theologischen Promotionen und Habilitationen möglich waren und er somit nicht akademisch-schulbildend wirken konnte. Um sein Erbe zu bewahren, zu erschließen und weiterzuführen, wurde 2002 die Eugen-Biser-Stiftung mit Sitz in München gegründet. Dies geschieht u. a. durch Veranstaltungsreihen, Tagungen, Publikationen, Bildungsprojekte, Beratungsangebote, durch die Vergabe von Stipendien oder durch den Eugen-Biser-Stiftungslehrstuhl an der Hochschule für Philosophie in München. Getreu dem Motto der Stiftung „Dialog aus christlichem Ursprung“ widmet sie sich insbesondere dem Dialog zwischen den monotheistischen Religionen als Beitrag zu einem gelingenden Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft. Exemplarisch dafür steht das mittlerweile in vier Sprachen erschienene „Lexikon des Dialogs. Grundbegriffe aus Christentum und Islam“. Aktuell wird das über 1.400 Titel umfassende Werk Eugen Bisers digitalisiert und auf dem Repositorium der Universitätsbibliothek der LMU München Open Access zur Verfügung gestellt, wo auch dieser allererste Lehrbrief zu finden ist.11

Der erste Lehrbrief des Grundkurses 1970, Autor: Eugen Biser. Bild: Theologie im Fernkurs. 

1 Pretscher, Josef, Theologie im Fernkurs – Theologie mit Laien, in: G. Koch/J. Pretscher (Hg.), Würzburgs Domschule in alter und neuer Zeit, Würzburg (Echter) 1990, 106–137, online unter: https://fernkurs-wuerzburg.de/files/sonstige_dateien/ThiF_Chronik_1970-1990_Pretscher.pdf, hier 12. 

2 Grundkurs, Einführungslehrbrief, Würzburg 1970, 3.

3 Vgl. Greb, Daniel, Vom Feldunterrichtsbrief zur Lernplattform. Zur Geschichte des Fernstudiums katholischer Theologie, in: Herder Korrespondenz (8/2025), 47–49, hier: 48 f.; ders., 55 Jahre Theologie im Fernkurs, in: Fernblick (11. August 2025), unter: https://fernkurs-wuerzburg.de/fernblick/neues-vom-fernkurs/55-jahre-theologie-im-fernkurs-ein-blick-in-die-geschichte-des-ersten-grundkurses (26.10.2026).

4 Biser, Eugen, Der Mensch dieser Zeit – seine Größe und seine Grenzen (Lehrbrief 1, Grundkurs. Theologie im Fernkurs), Würzburg 1970, 6.

5 Luther, Henning, Religion, Subjekt, Erziehung. Grundbegriffe der Erwachsenenbildung am Beispiel der Praktischen Theologie Friedrich Niebergalls, München 1984, 60.

6 Biser, Eugen, Die großen Festgeheimnisse. Eine meditative Erschließung, München 1975, 9; vgl. hierzu auch: Thurner, Martin, Eugen Biser (1918–2014). Theologie der Zukunft, in: Ders. (Hg.), Eugen Biser. Die Hauptwerke im Diskurs, Freiburg i. Br. 2020, 17–27.

7 Biser, Eugen, Die glaubensgeschichtliche Wende. Eine theologische Positionsbestimmung, Graz–Wien–Köln 1986.

8 Vgl. Herget, Ferdinand/Gigl, Maximilian, Durch Dialog zum Glauben inspirieren, in: Enders, Markus u. a. (Hg.), Über Glauben philosophieren. Impulse christlicher Denkerinnen und Denker, Würzburg 2025, 119–131, hier: 124 f.

9 Pretscher, Josef, Theologie im Fernkurs – Theologie mit Laien, in: G. Koch/J. Pretscher (Hg.), Würzburgs Domschule in alter und neuer Zeit, Würzburg (Echter) 1990, 106–137, online unter: https://fernkurs-wuerzburg.de/files/sonstige_dateien/ThiF_Chronik_1970-1990_Pretscher.pdf, hier 15.

10 Vgl. Biser, Eugen, Auf dem Weg zu einer mündigen Seniorenschaft, in: Praktische Theologie 41 (2006), 271–276; Kaiser, Karl K., 25 Jahre Seniorenstudium an der LMU: Entwicklung und Situation, in: Hellgardt, Ernst/Welker, Lorenz (Hg.), Weisheit und Wissenschaft. Festschrift zum 25-jährigen Bestehen des Seniorenstudiums an der LMU, München 2013, 33–66.

11 https://epub.ub.uni-muenchen.de/view/autoren/Biser=3AEugen=3A=3A.html (08.10.2026).

    Maximilian Gigl
    Maximilian Gigl

    Dr. Maximilian Gigl ist Leiter des Programmbereichs „Christentum und Theologie Eugen Biser“ bei der Eugen-Biser-Stiftung in München.


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